The educated Tanguero

Essential Knowledge

Osvaldo Fresedo, die romantische Seite des Tango

In den 20er Jahren und bis Mitte der Dreißiger wurde der Tango noch mehr traditionell rhythmisch von kleineren Formationen (Sextetos) interpretiert. Viele Orchester spielten erfolgreich mit Sängern (zumeist in der Rolle als Estribillista) und konnten sich musikalisch und kommerziell etablieren. Parallel dazu entstanden zwei Strömungen welche die traditionelle Idee der Tangomusik revolutionieren und modernisieren sollten. Einerseits waren dies die Orchester von Cobián und De Caro mit einem Ziel der Musikalischen und interpretativen Verfeinerung der Musik. Parallel hierzu sehen wir aber auch einen neuen Trend hin zu softeren, romantischeren Tangos, nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit zwischen Canaro und Maida als Sänger. Daneben etablierte sich auch ein weiterer Musiker, der mit seinem besonderen Klang das Feld der romantischen Tangos aufbaute und überstrahlte.

Osvaldo Nicolás Fresedo wurde am 5.Mai 1897 in Buenos Aires geboren, im Stadtteil „La Paternal“, welches ihm den Spitznamen „El pibe de la Paternal“ einbrachte. Nach erstem Musikunterricht durch seine Mutter, vertiefte er seine musikalische Ausbildung bei dem Violinisten Pedro Desrets [2] . Im Gegensatz zu seinem Bruder Emilio, der die Violine erlernte und später mehr Fokus auf Komposition und Erstellung von Tangotexten legte, studierte Osvaldo bei Juan Manuel Firpo das Bandoneon [2]. Bereits ab 1913 spielte er zusammen mit seinem Bruder und zwei Gitarristen unter anderem im Café Paulín. 1916 spielte er im Orchester von Francisco Canaro und 1917 bei Roberto Firpo [2]. Erste Aufnahmen entstanden 1917 für das Label Telé-Phone mit einem Instrumentaltrio bestehend aus ihm selbst am Bandoneon, Tito Roccatagliata (Violine) und Juan Carlos Cobián (Klavier) welches im Armenonville auftrat. 1919 gründete er sein erstes Orchester (unter anderem mit Julio DeCaro als erster Violinist und Pianist José María Rizzuti) und spielte im Casino Pigall [3] wo sein Orchester zum Modeorchester aufstieg. Damit begann er eine der längsten durchgängigen Karrieren als Orchesterleiter von 63 Jahren [3]. Nachdem er bereits vorher Aufnahmen für Victor angefertigt hatte, reiste er 1920 in die USA um zusammen mit Tito Roccatagliata und Enrique Delfino als Trio Select für Victor einen Schallplattenvertrag zu unterzeichnen [2], aus diesem Trio entstand später das Orquesta Típica Select. Nach seiner Rückkehr bildete er sein Sextett um und setzte Cobián ans Piano [3, 4]. Zwischen 1922 und 1925 nahm er für Victor auf und wechselte später zu Odeon [3]. Berühmt wurde er auch, als er Gardel für zwei Aufnahmen („Perdón, viejita“ und „Fea“) begleiten durfte [3]. Bereits 1927 war Fresedo so bekannt, dass er teilweise bis zu 5 Orchester gleichzeitig unterhielt und am Abend von einem Auftritt zum nächsten zu eilen, um wenigstens einmal gesehen zu werden. In einer dieser Formationen spielte auch Carlos DiSarli als Pianist, der hierbei deutlich von Fresedo inspiriert und beeinflusst wurde [2], so sehr, dass er ihm später einen Titel widmete („Milongero viejo“). 1929 begleitete Fresedo Gardel zu Auftritten in Paris.

Bereits früh entwickelte er einen eigenen Stil, musikalisch nuanciert, verfeinert, melodisch und weich, was ihn von den Traditionalisten abhob und in die Riege der Erneuerer, der Guardia Nueva einreihte. Durch seinen extinguierten Stil, der Eleganz und Rhythmus kombiniert, war er insbesondere bei der Oberschicht Argentiniens beliebt und konnte durch enormen finanziellen Erfolg in späteren Jahren große Orchester unterhalten und mit sehr innovativen Konzepten experimentieren, z.B. mit der Integration von Saxophon, Harfe und Vibrafon. 1956, nachdem er von Victor zu Odeon gewechselt hatte,  entstanden Aufnahmen mit Dizzy Gillespie (Trompete) als Gastmusiker [1]. Während und nach der „Edad de Oro“ erging es Fresedo dennoch wie vielen Orchestern der Guardia vieja und Gardia Nueva: auch Fresedo verharrte bei seinem althergebrachten Stil und konnte nicht an die neue Zeit adaptieren, obwohl er immer noch bekannt und berühmt war.  

Orquesta Osvaldo Fresedo 1946

Zu seinem unvergleichlich eleganten Stil passend hatte er stets eine gute Hand bei der Auswahl seiner Sänger, wie zum Beispiel Ernesto Famá, Edmundo Rivero, Roberto Ray, Oscar Serpa, Ricardo Ruiz und Hector Pacheco, die stets perfekt mit seiner aktuellen Orchestrierung harmonierten. Dies brachte ihm eine große Popularität, zusammen mit finanziellem Erfolg, allein zwischen 1925 und 1928 nahm er für Odeon etwa 600 Titel auf [1]. Die Gesamtzahl seiner Aufnahmen beläuft sich auf 1252 und damit steht er an Platz drei der großen Tangoorchester [5]. Osvaldo Fresedo verstarb am 18.November 1984 [1].

Beliebt bei DJs ist Fresedo insbesondere für seine romantischen Aufnahmen, mit Roberto Ray in den Dreißigern (z.B. „Vida mia“, 1933) und Oscar Serpa in den Vierzigern (z.B. „Buscandote“, 1941) die in Milongas auch heute noch gerne gespielt werden und zahlreiche andere Orchester zu deren eigenen Interpretationen inspiriert haben.

In der Musikhistorik wird Fresedo als Begründer einer eigenen Schule von Orchestermusikern („Escuela Fresedeana“) angesehen, zu deren berühmtesten Vertretern die Orchester Miguel Caló, Carlos DiSarli, Francini-Pontier, Domingo Federico und Osmar Maderna gehören [6].

Hier ein Beispiel für den frühen Osvaldo Fresedo, “El Espiante”, hier in einer restaurierten Originalaufnahme aus 1917, welche noch sehr traditionell klingt:

Nur 10 Jahre später klingt es dann bereits ganz anders, wir hören hier Fresedo mit Ernesto Famá mit dem Titel “El Carrerito” aus 1928.

Und schon sind wir bei den deutlich romantischen Titeln, hier der von Fresedo geschriebene Titel “Vida mia”, hier aus 1933 mit Roberto Ray als Sänger.

Weitere 10 Jahre weiter, jetzt bereits mitten in der goldenen Epoche hier der Titel “Te llama mi violin” von 1942, gesungen von Oscar Serpa, der Titel stammt überigends von Elvino Vardaro:

Hier noch eine spätere Aufnahme, “Nostalgias” aus 1952 mit Hector Pacheco als Sänger:

Wer noch Interesse an der Aufnahme mit Dizzy Gillespie hat, hier “Vida mia” mit Trompete aus 1956:

Literatur

1            https://es.wikipedia.org/wiki/Osvaldo_Fresedo

2            Ludwig, Egon: Tango Lexikon. Lexikon Verlag, 2002, pp. 220-222.

3        https://www.todotango.com/creadores/biografia/41/Osvaldo-Fresedo/

4 https://www.fresedo.de/2021/05/fresedos-famous-time-1923-1928.html

5            Lavocah, Michael: Tango Stories-Musical Secrets. Milonga Press, 2012, p. 150

6            Martin Paloma: El Tango instrumental rioplatense: Aproximaciones a un analisis
musical comparativo de los estilos renovadores en la llamada
„epoca de oro“. Montevideo, 2014.

Comments are closed.