Ich war letzte Woche Gast auf einer Milonga, auf welcher ich auch gelegentlich auflege und habe mal mit einem Ohr auf die Musik des dortigen DJs gehört (der seine Sache nebenbei ganz ausgezeichnet gemacht hat). Interessant für mich war die Tatsache, dass er mit seinem Mobiltelefon auflegte, offensichtlich eine Playlist von Spotify abspielend. Die Verbindung zu seinen beiden tragbaren Lautsprechern war ebenfalls ganz offensichtlich einfaches Bluetooth. Ich will hier keinesfalls die Arbeit meiner Kollegen kritisieren, hab mich dann aber gefragt, ob das eine valide technische Möglichkeit für meine eigene Arbeit ist. Hierzu habe ich zwei Posts vorbereitet.
In Zeiten von ubiquitärem Internet und fast unbegrenzten Datenvolumen ist der Gedanke von Streaming durchaus populär geworden. Streaminganbieter wie z.B. Netflix für Filme und Spotify für Musik liefern den Content direkt von ihrer eigenen Datenbank auf das mobile Endgerät und beseitigen so die Notwendigkeit mit Musikquellen wie Platten oder DVDs umgehen zu müssen. Für den Endkunden, der eine eher geringe Gebühr für diesen Service zahlt ist das praktisch. Im Fall eines Musikanbieters sucht man nach einem Titel über den Künstler oder den Titel und kann diesen dann ggf. in einer oder mehreren persönlichen Listen ablegen, so dass dann eine persönliche Playlist entsteht.
Spotify ist ein 2006 in Schweden gegründeter Anbieter von Streaming-Musik mit derzeit ca. 777 Millionen Nutzern [1]. In deren Datenbank sind über 100 Millionen Musiktitel enthalten (Stand 2024, manche Quellen gehen von deutlich mehr aus).
Ich hatte mich vor einigen Jahren bereits mit dem Konzept Streaming beschäftigt, jedoch festgestellt, dass eine Nischenmusik wie der Tango kaum oder zumindest sehr schlecht in der Datenbank des damaligen Anbieters präsent war. Also kommen wir zum ersten Experiment. Hierfür ist die Fragestellung, ob Tango Musik für eine typische Milonga in der Datenbank eines aktuellen Anbieters repräsentiert ist?
Hierzu habe ich eine meiner letzten Milongas-Playlists ausgewählt, diese eher traditionell mit etwas Nuevo und ein paar Tandas mit modernen Orchestern. Hierin enthalten waren 95 Titel mit jeweils drei Stücken pro Tanda und dem üblichen Mix von Tango/Vals/Milonga. Nach diesen Titeln habe ich nun bei Spotify gesucht.
Ergebnis: Von den 95 Titeln meiner Playlist waren lediglich vier nicht bei Spotify aufgeführt,
Dieses Ergebnis ist deutlich besser als ich es erwartet hätte. Es zeigt sich, dass im Spektrum der Datenbank mehr als nur die typischen Tango-Evergreens enthalten sind. Es ist damit kein Problem mit dem Material von Spotify eine qualitativ gute Milonga zu bestücken. Die Beschreibungen der Titel bei Spotify geben Orchester und Sänger korrekt an, lediglich die Zeit der Aufnahme fehlt, was es für die Planung einer Milonga schwieriger macht. Ein Titel war mit einem Schreibfehler eingetragen (siehe Bild).

Selbst im einfachen Format liefert Spotify die Musik komprimiert im .ogg Format mit 160 kB/s aus, was nach meiner Meinung eine genügende Qualität für die Milonga darstellt. Spotify bietet für einen Teil seiner Musik auch die Wiedergabe in einem nichtkomprimierten Format an. Für übliche Tango Stücke konnte ich allerdings nicht eruieren, ob diese Möglichkeit zur Verfügung steht und ob dieses verlustfreie Format Sinn für Schellack Aufnahmen macht sei einmal dahingestellt.
Die Musik wird üblicherweise in einer App des Anbieters abgespielt und direkt mittels Bluetooth zu den Lautsprechern oder Kopfhörern übertragen. Ob hierbei die drahtlose Übertragung Sinn macht oder nicht bespreche ich im nächsten Beitrag. Die Applikation des Anbieters ist hier wichtig, weil man innerhalb dieser eigene Playlisten anlegen kann. Spotify erlaubt auch, Musikstücke physikalisch herunterzuladen, sie werden dann aber in der App gehalten und können nicht von da aus exportiert werden.
Die Lizenzierung der Musik wird eindeutig auf privaten Gebrauch eingeschränkt. Eine Verwendung im kommerziellen Rahmen (z.B. für öffentliche Veranstaltungen) ist bei Spotify untersagt.
Möglichkeiten, Spotify Streams mit Drittsoftware mitzuschneiden und als Datei abzuspeichern widersprechen dem Nutzungsvertrag und sind damit illegal, zumindest aber in einer sehr dunklen Grauzone angesiedelt.
Professionelle DJ-Software bietet jedoch eine Zugriffsmöglichkeit zur Spotify Datenbank, dies ist derzeit mit einem Spotify Premium Abonnement in den Programmen Serato, Recordbox und Algoriddim DJ-Pro realisiert, aber nur online, sprich ein Download der Musikstücke für einen Auftritt ist nicht möglich. Ebenfalls nicht erlaubt ist die Verwendung für kommerzielle Veranstaltungen. Diese Möglichkeit würde aber erlauben, die Musik auf einer professionellen Hardwarebasis abzuspielen (mehr dazu im nächsten Post).
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass auf der Pro-Seite hierbei die umfangreiche Datenbank von Spotify steht, deren Inhalt auch für Tango DJs ausreicht und die mühsame Verwaltung einer Musiksammlung entfällt. Auf der negativen Seite ist die Limitierung auf die Software der Anbieter, sowie die Tatsache, dass diese Software mit wesentlichen Einschränkungen verbunden ist, z.B. ist keine Möglichkeit des Vorhörens oder der Ermittlung von BpM Angaben vorgesehen. Ein weiterer Nachteil ist die Limitierung auf nichtkommerzielle Veranstaltungen. Eine Milonga die größer als ein Wohnzimmer ist, würde dann bereits gegen die Nutzungsbedingungen der Anbieter verstoßen. In diesem Setup wäre die Nutzung von Streaming-Musik für meinen Bedarf derzeit nicht passend, ich will aber nicht ausschließen, dass dies sich in den nächsten Jahren ändern könnte.
Ganz unbestritten ist aber die Verwendung zum privaten Anhören und Genießen von Tango Musik und ggf. der Austausch von Playlisten um Inspirationen für die nächste Milonga zu erhalten. In diesem Sinn ist die Verwendung von Spotify einfach und angenehm.
Literatur
1 https://en.wikipedia.org/wiki/Spotify
