Stellen Sie sich vor, ein Fußball Verband betreut 20 Mannschaften mit mehr oder weniger begabten Spielern und Trainern und wird dann zu einer internationalen Meisterschaft eingeladen. Was macht man also? Man stellt eine Mannschaft aus den besten Spielern zusammen und lässt sie von einem begnadeten Trainer betreuen. Das passiert nicht nur beim Fußball, sondern auch im Tango.
Anfang der 20er Jahre waren die meisten besseren Tango Orchester bereits bei einem der großen Plattenlabel unter Vertrag. Hier machten sich insbes. die Label Nacional Odeon [1] und RCA-Victor [2] gegenseitig Konkurrenz. Um 1925, annähernd gleichzeitig mit der Einführung des elektrischen Aufnahmeverfahrens durch RCA-Victor kam dann diese auf die Idee, ein eigenes Orchester aus den Besten der Musiker ihrer Vertragsorchester zu bilden [3]. Für die Leitung dieses Orchesters war ursprünglich Luis Petrucelli vorgesehen, da dieser jedoch wegen eines Engagements in den USA absagte wurde der Pianist Adolfo Carabelli als Ersatz gewonnen. Carabelli war nun eher im Bereich der klassischen Musik zuhause und weniger im Tango beheimatet, er hatte aber eine gute Hand bei der Auswahl seiner Instrumentalisten [4]. Das Orchester wurde prinzipiell nur für Plattenaufnahmen im Studio verwendet, spielte also nie vor Publikum. Daher auch der Name “la orquesta invisible”.

Waren die Aufnahmen in den 20ern noch sehr divers (Jazz, Foxtrots, Polkas, Rancheras, PasoDobles), widmete sich das Orquesta Tipica Victor (oder generell einfach OTV genannt) in den 30ern spezifisch dem Tango. Eine Aufzählung der Musiker liest sich wie eine Liste der bekanntesten Virtuosen (z.B. Ciriaco Ortiz, Pedro Laurenz, Luis Petrucelli oder der Violinist Elvino Vardaro), für die Details verweise ich auf die im Internet zugänglichen Quellen [3, 4].
Etwas konfus wird die Sache dadurch, dass Carabelli gleich sein eigenes Orchester gründete, das ebenfalls im Unsichtbaren existierte, zunächst mit dem Schwerpunkt Jazz. Neben der originalen OTV-Formation wurden viele Aufnahmen auch unter anderen Subgruppierungen veröffentlicht, wie z.B. Orquesta Tipica Select, Orquesta Victor Popular oder (sehr bekannt) Orquesta Tipica Los Provincianos (geleitet von Ciriaco Ortiz) oder gleich Adolfo Carabelli teilweise ohne genauere Spezifizierung, ob damit OTV oder OT Carabelli gemeint war. Für weitere Gruppierungen sei hier verwiesen auf [3].
Carabelli wurde 1936 durch den Bandoneonisten Federico Scorticati ersetzt, in 1943 wechselte die Leitung schließlich zu Mario Maurano.
Zu den wichtigsten Sängern zählten Carlos Lafuente, Roberto Diaz und Alberto Gomez.
Von 1925 bis 1944 wurden 445 Titel von OTV oder seinen Subgruppierungen aufgenommen, die meisten davon in den 30er Jahren. Der Musikstil ist im Wesentlichen traditionell, stilistisch war OTV nie in der EDO angekommen, zumal Anfang der 40er der Bedarf für ein Hausorchester entfiel, weil wegen der immer größer werdenden Popularität genügend qualitativ hochwertige Orchester zur Verfügung standen.
Interessanterweise gründeten auch andere Label ihre Hausorchester wie z.B. OT Brunswick oder OT Columbia [5] die jedoch an Bedeutung zweitrangig waren. Lediglich das OT Brunswick wird auch heute noch auf Milongas gespielt.
Literatur
- https://en.wikipedia.org/wiki/Odeon_Records
- https://es.wikipedia.org/wiki/RCA_Records
- https://es.wikipedia.org/wiki/Adolfo_Carabelli
- https://es.wikipedia.org/wiki/Orquesta_T%C3%ADpica_Victor
- Lavocah, Michael: Tango Stories: Musical Secrets. Milonga Press, 2012.
Hier einige Beispiele. Wir beginnen mit einem meiner Favoriten. Vieja Calesita von 1929 mit Luis Diaz als Estribillist:
10 Jahre später klingt es dann so (Adios Buenos Aires, 1938 mit Angel Vargas), hier getanzt von Juan Carlos Martinez und Nora Witanowsky:
Und hier noch einen Vals (Sin Rumbo Fijo, 1938 mit Angel Vargas) hier getanzt von Joachim und Michelle:
Und hier einmal zum Vergleich der Sound von OT Los Provincianos (A tu memoria madrecita von 1934):
