Als DJ schaut man auf die Orchestervielfalt im Tango ganz natürlich mit anderen Augen als wenn man dieses Problem aus Sicht der Musikhistorik betrachtet. Nichtsdestotrotz höre ich oft Tangomusik ohne Anspruch auf Milongueabilität und mir gefallen hierbei viele Stücke persönlich sehr, obwohl ich sie nie oder selten in einer Milonga spielen würde. Ich habe mich ertappt, dass sich meine Vorlieben hier über die Zeit entwickeln. Bei Musik aus der EDO sind dies in letzter Zeit eher Aufnahmen von Troilo und De Angelis, ich habe aber auch eine neue Vorliebe für Orchester aus den 30er Jahren entwickelt, deren klare musikalische Linien gefallen, hier einmal weniger die avantgardistischen Klänge von De Caro, sondern mehr die traditionelle Linie, die trotz der oft schwierigen Tonqualität auch heute ihren Platz in der Milonga hat. Hierbei folge ich der alten Regel, klassische Tandas vornehmlich in der frühen Phase einer Milongaplaylist zu spielen. Heute geht es hier also um eines der ältesten milongueablen Orchester abgesehen von Francisco Canaro. Es ist Francisco Lomuto, der sich mit Canaro nicht nur den Vornamen teilt, sondern Zeitgenosse und Freund war.
Francisco Lomuto wurde am 24.November 1893 in Buenos Aires geboren. Er entstammt ähnlich wie Julio de Caro einer musikalischen Familie mit insges. 10 Kindern. Der Vater war Violinist, die Mutter Pianistin, die ihm den ersten Unterricht am Klavier gab. Später studierte er eine Zeit lang am Santa Cecilia Konservatorium Musik. Seine erste Stelle war als Radiotelegraf bei der Pacific Railway, dann aber trat er zunächst als Solist und zusammen mit seinem Bruder Enrique als Duo auf und schrieb einige Tangos, die auch von seinem Freund Francisco Canaro und von Roberto Firpo gespielt wurden. Das erste eigene Orchester gründete er in 1923, wie damals üblich als Sextett. Er spielte hierbei wie Canaro nicht mehr selbst, sondern setzte seinen Bruder Enrique ans Klavier. Später kamen hier weitere bekannte Musiker wie z.B. der Bandoneonist Ricardo Luis Brignolo (dem Komponisten von „Chice“), Eduardo Armani und Minotto di Chicco hinzu. Das Orchester spielte hier im Teatro Empire. Zu erwähnen wäre, dass Lomuto wie damals üblich auch Jazz-Titel im Repertoire hatte und teilweise hierfür auch Musiker mit Jazz-typischen Instrumenten integrierte [2].

1926 kam der Bandoneonist Daniel Alvarez als Ersatz für Brignolo, weitere Musiker waren Leopoldo Schiffrin (der Vater des bekannten Komponisten) als Violinist sowie die Sänger Antonio Lesende und Carlos Pérez, letzterer bekannter unter dem Namen „Charlo“. Alvarez veränderte den Rhythmus des Orchesters und löste Carmelo Napolitano als Arrangeur ab. Spielte er zunächst einzelne Aufnahmen für das Label Nacional ein, so wechselte er dann ab 1931 zu RCA-Victor, ein Wendepunkt auch für die Qualität seiner Musik [1, 4].
Daniel Alvarez gründete 1933 sein eigenes Orchester und wurde sowohl am Bandoneon als auch als Arrangeur von Martín Darré ersetzt. Das Orchester war bis dahin auf 25 Musiker angewachsen und spielte in den prominentesten Lokationen von Buenos Aires und Mar del Plata [2].
Ein weiterer Wendepunkt seiner Musik ist die Aufnahme von Fernando Díaz als Sänger in 1934, ungefähr zur selben Zeit, als Canaro mit Roberto Maida auf einem der Höhepunkte seiner Karriere ankam [4].
1936 wurde Lomuto als Präsident der von Canaro gegründeten Organisation der Autoren und Komponisten (SADAIC) gewählt.
Lomuto starb am 23. 12. 1950 in der Ortschaft Tortuguitas im Norden von Buenos Aires. Sein Lebenswerk beläuft sich auf mehr als 950 aufgenommenen Titeln zwischen 1922 und 1950 [2]. Ein signifikantes Attribut seiner Musik war die Verwendung einer verminderten Septime als Schlusston seiner Musikstücke [1, 3].
Sein Musikstil ist konservativ und man kann ihn unzweifelhaft in die alte Garde des traditionellen Tangos einordnen. Man kann vermuten, dass er sich zunächst an seinem Freund und Förderer Francisco Canaro orientiert hat und obwohl er bis zum Ende der EDO gespielt hat, fehlte ihm die Flexibilität um sich an die wechselnden musikalischen Moden und Entwicklungen der EDO anzupassen. Nichtdestotrotz sind viele seiner späteren Werke durchaus milongueabel und werden zumindest bei traditionelleren DJs auch auf der Liste stehen.
Im Anhang noch einige Beispiele aus den 20ern und vom Höhepunkt seines Schaffens aus den Mitdreissigern. Zu beachten sind hierbei auch einige sehr gut tanzbare Milongas und beschwingte und gefällige Valses.
Literatur:
- https://www.todotango.com/creadores/biografia/101/Francisco-Lomuto/
- https://es.wikipedia.org/wiki/Francisco_Lomuto
- Lavocah, Michael: Tango Stories: Musical Secrets. Milonga Press, 2012.
- Benedetti, Hector: Nueva Historia del Tango. Siglo Veintiuno Editores Argentina S.A., 2015.
Beginnen wir mit “Ojos Negros” aus 1927:
“Nunca Mas” von 1931:
“Nostalgias” aus 1936
“No hay tierra como la mia” aus 1939, hier getanzt von Valentina Garnier und Juan Amaya
und noch einen Vals: “Amor y Celos” aus 1930
