The educated Tanguero

Essential Tango Knowledge

Auf der Suche nach dem Goldenen Zeitalter

Alle Welt im Tango reded über das goldene Zeitalter (“Golden Age”, “Epoca de Oro”). Das wird definiert als die Zeit, in der Tango den Höhepunkt seiner Entwicklung hatte, grob gesagt, in den 40ern (“Cuarentas”). Für viele Tangueros ist das ein feststehender Begriff, leider ist er nur sehr schwammig. Die typischen Milongueros haben in der Regel selbst bei den Klassikern der Tangomusik keinen Plan, wann diese denn nun aufgenommen wurden, das haben die wenigen wirklichen Afficionados und die ernsthafteren DJs, die üblicherweise die Jahreszahlen ihrer Musikstücke notieren und abgleichen (es ist eine schlechte Idee, ein Stück von 1932 zusammen mit einem von 1952 in der selben Tanda zu spielen). Zunächst können wir uns als Konsumenten von Tangomusik sehr gerne darauf einigen, dass irgendwo in der Nähe von 1940 die Musik auf einmal ganz anders klang und um diesen Zeitpunkt herum viele bekannte Titel aufgenommen wurden. Hier muss etwas Besonderes passiert sein. Es sind solche Momente, die Musikhistoriker oft betrachten und die dann versuchen, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen.

Wer einmal in Buenos Aires ist, sollte unbedingt das Museum in der “Academia Nacional del Tango” besuchen, es liegt in der Avenida de Mayo 833 im Centro, direkt neben dem berühmten Cafe Tortoni. Dort hängt die aktuelle historische Einteilung der Tangoentwicklung an der Wand, aufgestellt vom Akademieleiter Horacio Ferrer:

In dieser Aufstellung gibt es aber keine Epoca de Oro! Es gibt um das Jahr 1940 lediglich die Guardia Nueva in zwei Phasen “La Transformacion” und “La Exaltacion”, welche insgesamt von 1925 bis 1955 geht, mit dem Jahr 1940 in der Mitte. Ist dies die “Epoca de Oro”? Bestimmt nicht, denn historisch hat der Tango in Zwischenzeit mindestens 3-4 Wandlungen durchlaufen. Der Rahmen ist hier leicht verständlich, 1925 (eigentlich schon 1924) hat Julio de Caro sein Orchester gegründet und 1955 war mit dem Ende der tangofreundlichen Peron-Regierung auch die Zeit häufiger Militärputsche (“Revolucion Libertadora”) und damit der Niedergang der Tango-Kultur eingeleitet. Aber worauf bezieht sich das Jahr 1940?
Musikwissenschaftler suchen immer nach Korrelationen von musikalischen und gesellschaftlichen Ereignissen. 1935 bietet sich hier an, weil in diesem Jahr Carlos Gardel verunglückte. Dieses Ereignis hatte jedoch wenig Auswirkungen auf den instrumentalen Tango. Interessanter wäre hier, dass in 1935 Biagi als Pianist bei Juan D´Arienzo einstieg und die beiden in Folge einen komplett neuen, ultrarhythmischen Stil entwickelten, dem bis Anfang der 40er viele Orchester folgten. Ab 1942 gab es dann einen deutlichen Trend zu mehr romantischer und komplexerer Musik.
Wir müssen also auch auf die aktiv partizipierenden Orchester in dieser Zeitphase achten.
Typischerweise wird hier die Orchesterzuordnung zu drei Linien gerechnet, der Linie von Julio de Caro, der Linie von Osvaldo Fresedo und eine tradionelle Linie von Musikern aus der traditionalistischen alten Garde (Guardia Vieja). Etwas präziser ist hier die Einteilung von Paloma Martin aus ihrem Artikel von 2014 [1], die diese sehr einfache Einteilung noch spezifiziert:

Das hilft etwas, um den Stil der Orchester besser einzuteilen, für die eingangs gestellte Frage ist es aber nicht wirklich hilfreich. Immerhin setzt Frau Martin den Beginn der EDO (im Gegenteil zu Ferrer) auf 1935.
Eine andere Quelle aus dem Internet versucht sich dem Problem dadurch anzunähern, dass untersucht wird, wann die Orchester ihre aktive Zeit hatten. Dies ist aber auch nicht wirklich zielführend, da viele Orcherster sehr lange spielten, teilweise aber ihre Hochform schon nicht mehr halten konnten.

Zusammenfassend würde ich ebenfalls darauf plädieren, die “Goldene Zeit” 1935 beginnen zu lassen. Das Ende kam langsam und mit einem Schlag in 1955. Allerdings kann man sagen, dass bereits typische Interpretationen gegen Ende der 40er Jahre bereits kaum noch tanzbar waren.

Abrazos,

-Richard

Quellen

1 Paloma Martin: El Tango instrumental rioplatense: Aproximaciones a un analisis musical comparativo de los estilos renovadores en la llamada „epoca de oro“. Montevideo, 2014.

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