The educated Tanguero

Das Ocho

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Von allen Tango Schritten ist das Ocho das prominenteste und ikonischste, möglicherweise sogar eines der ältesten Bewegungselemente im getanzten Tango [1]. Der Name stammt daher, dass die Bewegungsspur der Füße bei mehreren am Platz getanzten Ochos der Ziffer 8 (Ocho = Acht) gleicht.

Technisch besteht die Bewegung „Ocho“ aus einem Schritt und einer Drehung am Platz auf einem Fuß (Pivot)in Richtung des vorherigen Schreitbeins. Bei der einfachsten Ausführung (Ocho vorwärts = Ocho adelante) ist dies ein Vorwärtsschritt mit einer Drehung um 180 Grad (1/2 Drehung). Nach dem Grundschritt ist diese Bewegung wohl eine der ersten komplexeren Schrittkombinationen die von Anfängern erlernt werden müssen, wobei genau wie beim Basico hier die Komplexität dieser Bewegung steigt, sobald die Tanzhaltung und die hieraus folgenden binnenkörperlichen Bewegungen berücksichtigt werden.
Die andere Alternative zum Vorwärtsocho ist der Rückwärtsocho (Ocho atras) welcher aus einem Rückwärtsschritt und einem Pivot in Richtung des vorherigen Schreitbeins besteht. Die beiden Bewegungselemente des Ochos müssen voneinander getrennt durchgeführt werden, um die Führung von Varianten zu ermöglichen. Ich betrachte hier das Ocho als diese Kombination, möchte aber erwähnen, dass manche Autoren hier das Ocho als zwei dieser Kombinationen definieren, wohl um die Figur Acht vollständig zu beinhalten [2].

  1. Ein Ocho vorwärts in Grundform ohne Partner

Für die Diskussion des Ochos betrachten wir zunächst die Grundform, in welcher die Bewegung unabhängig von einem Partner am Platz getanzt wird. Zu Übungszwecken wird hier gerne eine Wand als Referenz genutzt.

Der Vorwärtsschritt erfolgt also jeweils parallel zur Wand mit dem zur Wand positionierten Bein. Das Pivot erfolgt nach dem Schritt, sobald das Gewicht auf den Fuß des schreitenden Beins übertragen wurde und sich das initiale Standbein (jetzt das Schreitbein) auf den Weg zum neuen Standbein macht. Gedreht wird hierbei zur Wand um genau 1/2 Drehung, sodass der nächste Schritt wieder parallel zur Wand genommen werden kann.

Ein gerne bei Anfängern zu beobachtender Fehler liegt hier bei einem zu frühen Beginn der Drehung, sprich noch auf dem Vorwärtsschritt, initiiert von den Muskeln im alten Standbein. Dies führt zu einer schlecht kontrollierten Taumelbewegung in der vollständigen Ausführung. Besser ist hier der Beginn der Drehung bei Gewichtsübertragung, während das neue Schreitbein seinen Weg eng am neuen Standbein vorbei beginnt. Die Drehung erfolgt nun auf dem neuen Standbein durch die Beinmuskeln (Unterschenkel, Oberschenkel) und Muskeln der Körpermitte (Bauchmuskeln und Rückenmuskulatur) sodass zunächst der Oberkörper die Drehung beginnt. Gegenanker ist hier die Reibung zwischen Standbeinfuß und Boden. Hierdurch entsteht eine Vertwistung innerhalb des Körpers entsprechend einer aufgezogenen Feder, die gegen Ende der Drehung dadurch entladen wird, dass der untere Teil des Körpers in der Drehung dem bereits angekommenen Oberkörper folgt, indem der Bodenkontakt des Standbeinfusses leicht reduziert wird. Hierbei wird das initiale Bewegungsmoment und die Massenträgheit des Torsos ausgenutzt.

Zu Bemerken ist hier, dass die komplette Ausführung des Ochos hier vom Tanzenden übernommen wird und keine Hilfestellung (Drehimpuls) vom Partner erwartet wird.

Hinsichtlich der Drehung entsteht für den Tanzenden das Gefühl, dass die Drehung in Oberkörper beginnt und zuletzt Beine und Füße die Drehung beenden. Eine meiner Lehrerinnen in Buenos Aires ging sogar soweit, dass die Drehung gefühlsmäßig bereits mit dem Kopfgewicht beginnt und dann die Körperblöcke nach unten wandert.

  • Ocho vorwärts mit Partner

Betrachten wir nun das Ocho in Relation zu einem Partner, der zunächst selbst keine weitere Bewegung ausführen soll. Ich werde hier der Einfachheit halber annehmen, dass das Ocho von der Dame als Folgende ausgeführt wird und der Herr als führender Partner fungiert. Es sei aber angemerkt, dass Herren die Ocho-Bewegung ebenfalls tanzen und technisch verstanden haben müssen.

Hierbei ist die Front des Herren der Bezugspunkt (die Wand) während die Dame das Ocho parallel zu diesem tanzt. Zu Beachten ist, dass der Abstand zwischen den Tänzern so groß sein muss, dass für den Vorwärtsschritt des Ochos genügend Platz bestehen muss. Ganz genau betrachtet muss daher im Pivot etwas überdreht werden, damit der nächste Vorwärtsschritt ganz leicht vom Partner entfernt gesetzt wird um diesen Abstand für das nächste Ocho zu gewährleisten.

Das größte Problem für die Ausführung des Ochos ist jedoch die Tanzhaltung. Beim Tango sind beide Tänzer (mit wenigen Ausnahmen, etwa Soltadas) in einer Umarmung verbunden, die je nach Tanzstil sehr weit (Tango nuevo, Tango Fantasia) oder sehr eng (Baile de Salon, Tango epilado) ausfallen kann. Bei der Haltung wird erwartet, dass sich die Fronten der Tänzer stets parallel und einander zugewandt befinden. Als Front wird hierbei der Brust und Schulterbereich der Tänzer definiert. Damit entsteht ein systematisches Problem. In einer konventionellen Haltung ist eine Drehung des Partners von 180 Grad (sprich 90 Grad je Seite) nicht möglich. Hier müsste die Haltung aufgelöst werden, was selbst bei Mitdrehung des Herren weder praktikabel noch ästhetisch wäre. Die Lösung hier ist einfach aber gleichzeitig sehr komplex. Die Dame, welche das Ocho ausführt dissoziiert ihr Körperzentrum (Front) vom unteren Teil des Körpers (Beine und Becken). Hierzu dreht der untere Bereich die vollen 180 Grad, während die Front zusammen mit der Tanzhaltung deutlich weniger dreht. Der Ausgleich wird im Bereich der unteren Wirbelsäule erzielt, welche die zusätzliche Drehung übernimmt. Dieses Konzept der Dissoziation funktioniert gut bei einer nicht allzu geschlossenen Haltung (Baile de Salon und Tango Fantasia), bei welcher ggf. noch die Enge der Haltung an das Figurenmaterial adaptiert werden kann (Tango Liquido). Für das Erlernen dieser Dissoziation kann wiederum die Übung an der Wand herangezogen werden, nur muss hier darauf geachtet werden, dass die Rotation des Oberkörpers deutlich geringer getanzt wird als die bereits geübte Rotation von Beinen und Becken.

Eine Führung als Bestandteil einer nonverbalen Kommunikation innerhalb des Paares kommt hierbei dem Herren zu. Die Führung darf keinesfalls allein durch die Arme vermittelt werden, vielmehr dient die Rotation im Oberkörper des Führenden hier dazu, dem folgenden Partner Art der Bewegung und im Fall des Pivots auch Drehumfang zu vermitteln. Hierbei ist weniger die Achse für die Signalisierung zuständig, sondern eher die Wegrotation der Schulter des Führenden um dem Folgenden Platz für die Bewegung zu schaffen und als Bewegungsraum eine Einladung zu präsentieren [1]. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Führende lediglich den Zeitlichen Ablauf und die Grenzen der Rotation im Pivot festlegt, nicht aber die Bewegung unterstützt.

Eine interessante Variante ist hierbei auch die Möglichkeit, das Ocho zu tanzen komplett ohne (oder mit extrem eingeschränkter) Rotationsmöglichkeit im Oberkörper. Diese Variante führt zu einer Serie von Vorwärtskreuzschritten des Folgenden mit nur wenig Rotation, eine Technik die „Ocho Milonguero“ genannt wird. Die normale Schrittfolge wird hierbei durch eine Rotationsbewegung des Schreitbeins um das Standbein (von einer gekreuzten Position in die nächste) ersetzt.

Möglichkeiten zur weiteren Ausgestaltung betreffen insbes. das freie Spielbein während des Pivots. Hier erfordert die traditionelle Technik, Knie und Füße eng zu halten, sprich das Schreitbein sehr eng am Standbein vorbeizuführen. Ein Absenken des Schwerpunkts des Führenden gibt dem Folgenden die Möglichkeit, das Spielbein in einem weiteren Kreis um das Standbein zu bewegen. Damit kann ein größeres Bewegungsvolumen erreicht werden, was insbes. bei moderneren Stilen (Tango Fantasia, Tango Nuevo, Tango Escenario) wünschenswert sein kann. In einer traditionellen Milonga sind diese Techniken jedoch verpönt, da hier die Möglichkeit von Störungen oder gar Verletzungen der benachbarten Paare besteht. Dies gilt besonders für die Möglichkeit der Lösung des Spielbeins vom Boden und die Erweiterung als Boleo, hier als „High Boleo“.

Die Komplexität der technischen Ausführung macht es Anfängern nicht leicht, gute Ochos zu tanzen. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass dieser Lernvorgang in der Regel die Hilfestellung eines erfahrenen Lehrers und das Training der Technik erfordert. Je früher ein solcher Lehrer konsultiert wird, desto leichter ist der Lernvorgang, weil keine fehlerhaften Bewegungsideen entlernt werden müssen.

  • Ocho acompagnado

Als Herr kann man während den Ochos abwarten, z.B. nach Schritt 5 der Base oder mit Seitschritten die Ochos der Dame begleiten. Diese Variante nennt man „Ocho acompagnado“. Dies wird deutlich vereinfacht, indem man als Herr ins alternative System wechselt, in diesem Fall bewegt sich der Herr zusammen mit dem Vorwärtsschritt der Dame in die gleiche Richtung. Seitschritte in die gegenläufige Richtung („Ocho en contra“) resultieren in einer Drehung des Paares und werden häufig bei Giro-Drehungen (Drehungen um ein gemeinsames Drehzentrum mit dem Technikelement Molinete) verwendet. Üblich ist auch die Idee, dass der Herr selbst ein Ocho tanzt, hierbei gerne auch ein Rückwärts-Ocho.

Im unten gezeigten Video zeigt Fabian Salas Vorwärtsochos, begleitet mit Seitschritten im parallelen System, etwas unterdreht um es dem Anfänger leichter zumachen.

  • Rückwärts Ocho (Ocho atrás)

Das Rückwärts Ocho ist insofern ähnlich zum Vorwärts-Ocho, mit der Ausnahme, dass der Vorwärtsschritt im Ocho durch einen Rückwärtsschritt ersetzt wird und ein Rückwärtspivot beinhaltet [2]. Die Beweglichkeit der Dame ist hier rückwärts deutlich eingeschränkt und sie bedarf der Begleitung des Herren mit einer Gewichtsverlagerung [2]. Weil hier die Bewegung in das rückwärts gestartete Pivot deutlich schwieriger ist erfordert dies für die Dame wiederum ein dediziertes Training und Kontrolle durch einen Tango-Lehrer.

Die weiter oben stehenden Erläuterungen zur Technik des Pivots und der Dissoziation treffen hier in gleicher Weise zu. Erleichternd kommt hinzu, dass für die rückwärtigen Ochos die Dame auch überdrehen muss, um den Abstand zum Herrn zu halten, falls dies jedoch einmal nicht gelingen sollte sind die Auswirkungen weniger schlimm, weil sich die Dame dann vom Herrn entfernt, welches dieser sehr leicht ausgleichen kann.

Auch die Rückwärtsochos werden vom Herrn gerne im parallelen System mit Seitschritten begleitet. Gerne wird für Anfänger folgende Sequenz unterrichtet:

1 RF rückw.
2 LF seitw.
& RF schliesst zum Traspie (führe Dame in ein Pivot nach links)
3 LF seitw. (Dame LF vorw.)
Weiter mit begleiteten Rw.-Ochos für die Dame

Diese Sequenz kann auch als Eingang in ein Vorwärtsocho verwendet werden. Hier die Demonstration für das Rückwärtsocho, ebenfalls von Fabian Salas, auch hier etwas unterdreht mit einem Ausgang in die alternative Base:

Das besondere Training der Dame für das Rückwärtsocho ist insbesondere wichtig für die korrekte Ausführung der Molinete Bewegung, die als ein technisches Element ein Ocho rückwärts enthält. Ohne eine qualitativ gute Technik im rückwärts Pivot drohen hier zwei Probleme: Erstens wird der gesamte Drehungsumfang der Molinete zu klein und zweitens bewegt sich die Dame weg vom Herren und bringt diesen aus dem Gleichgewicht.

  • Verzierungen

Verzierungen während der Ochos für die Dame sind möglich, sofern sich ein zeitliches Fenster ergibt. Einfache Möglichkeiten hier sind beim Vorwärtsocho das Einkreuzen des Spielbeins nach dem Vorwärtsschritt (Rückwärtskreuz ohne Belastung) und Auskreuzen nach dem Pivot. Beim Rückwärtsocho wäre es alternativ ein Vorwärtskreuzen (wieder ohne Belastung) mit Entkreuzen nach dem Pivot. Alternativ zum Kreuzen käme ein Vorwärtsvoleo in Frage (ich führe dies an dieser Stelle nicht weiter aus).

Hier ein komplettes Video von Vanessa Gauch nur über Verzierungsmöglichkeiten bei Vorwärtsochos:

  • Alternativen und Erweiterungen

Es soll hier ohne nähere Diskussion nur erwähnt werden, dass ein Ocho jederzeit durch ein Rebote (Rebound) ersetzt werden kann, dies wird uns dann zum technischen Element des Ocho Cortado führen. Entwicklungen der Ochos in Richtung anderer Technikelemente wie Boleos, Ganchos oder Volkadas werden ebenso in weiteren Diskussionen an passender Stelle besprochen.

Abrazos,

-Richard

Literatur

1 Turner, David: A Passion for Tango. Dingley Press, 2006 (2nd edtn., Kapitel 7)

2 Nau-Klapwijk, Nicole: Tango Dimensionen. Kastell Verlag, 1999 (p. 228).

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